Gesellschaft für Tanzforschung
Wir schaffen Begegnung!


Symposium der Gesellschaft für Tanzforschung e.V.

Die alljährlich stattfindenden Symposien, auch Jahrestagungen genannt, bilden den Höhepunkt der Aktivitäten der Gesellschaft. Die Symposien sind interdisziplinär angelegt und dienen einem breiten Austausch. Vertreter*innen aus den verschiedenen Bereichen des Tanzes stellen ihre neuesten Forschungsergebnisse vor, sei es wissenschaftlich oder künstlerisch, therapeutisch oder pädagogisch. In immer wieder neuen Formaten sind die Teilnehmer*innen eingeladen, mitzudiskutieren. Mit ergänzenden Social Events wird Raum für Begegnung geschaffen. 

Die Symposien werden meist mit anderen tanzaffinen Verbänden und Einrichtungen konzipiert und organisiert. Daraus entstehen fruchtbare Vernetzungen vor Ort.
 

Call for Papers:
In turn – Choreografien der Veränderung


Symposium der Gesellschaft für Tanzforschung e.V. (gtf)
Frankfurt am Main & Gießen, 15. bis 17. Oktober 2026



In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt a. M. (HfMDK), dem Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen, und dem Masterstudiengang Performative Künste in Sozialen Feldern an der Frankfurt University for Applied Sciences.

 

In Die Parabel vom Sämann (1993) schreibt die afroamerikanische Science-Fiction-Autorin Octavia Butler: „All that you touch, you change. All that you change, changes you.“ Der Satz entstammt Earthseed, einem fiktiven Glaubenssystem, das unter den Bedingungen des ökologischen Kollapses, sozialer Gewalt und radikaler Ungleichheit entwickelt wurde. In diesem System ist Veränderung keine Entscheidung, sondern eine Überlebensbedingung. Anstatt eine Metapher für wechselseitige Beeinflussung zu sein, benennt das Zitat eine unentrinnbare Wechselbeziehung zwischen Handlung und Konsequenz. In diesen zu Krisen mutierenden Zeiten rascher politischer, sozialer und wirtschaftlicher Veränderungen unter den prekären Bedingungen des späten neoliberalen Kapitalismus beschäftigt sich das diesjährige gtf-Symposium mit Veränderung als einem komplexen und ungleichmäßig verlaufenden Prozess. Sein transformatives Potenzial verbindet sich mit Wunsch und Hoffnung, aber auch mit Erfahrungen von Verletzlichkeit, Verlust und Ringen um Macht. Gleichzeitig prägt der Begriff der Veränderung, des Wandels oder der Zeitenwende unsere heutige Erfahrung als Individuen und als Gemeinschaften tiefgreifend und kann in unerwartbare Situationen, unwahrscheinliche Allianzen und interdisziplinäre Solidarität zu sozialer und politischer Mobilisierung führen. Aus dieser Perspektive bieten Tanz und Choreografie einen privilegierten Ort, um zu erforschen, wie Veränderung durch Körper, Beziehungen und materielle Bedingungen wahrgenommen, verhandelt, bekämpft oder neu gestaltet wird. Der Titel des Symposiums In turn – Choreographies of Change verweist auf eine doppelte Perspektive: Einerseits fragt es danach, wie laufende Transformationsprozesse Körper, Beziehungen und Temporalitäten choreografieren; andererseits blickt es darauf, wie künstlerische oder soziale Choreografien als Praktiken entstehen, die in diese Transformationsprozesse eingreifen, von ihnen geprägt sind oder sie neu konfigurieren.

Der Begriff der Veränderung ist durch seine Herkunft des althochdeutschen firwantalōn als wandel(n), wenden oder umgehen in mehreren Richtungen mit Transformation und körperlicher Bewegung verbunden. Das altgriechische Wort metabolē (μεταβολή, ἡ) als Veränderung oder Transformation bezieht sich dagegen auf Veränderungen innerhalb des Körpers und bezeichnet den Austausch lebenswichtiger Substanzen in einem lebenden Organismus. Die Bedeutung bei Plato bezieht sich auf das Ende oder die Umkehrung einer Bewegung (wie in der Politeia), bei Aristoteles sind es dagegen Veränderungen in der Regierungsform (wie in Politik), bei Polybius meint metabole in seinen Historien Migration und militärische Mobilisierung. In jeder dieser Bedeutungen ist Bewegung enthalten, unabhängig davon, ob Veränderung als Verschiebung von Materie innerhalb eines lebenden Organismus, als Raumbewegung oder als Bewegung von Konstellationen innerhalb des sozialen oder politischen Kontexts beschrieben wird. Ebenso verweist das lateinische movere auf verschiedene Formen der Bewegung: einerseits auf physische Bewegung (wie im Tanz) und andererseits auf affektive Bewegung und kollektive Mobilisierung (Brandstetter, Brandl-Risi, van Eikels 2007). Beide Begriffe, metabolē und movere, eröffnen ein Spannungsfeld zwischen Körper, Affekt und Gesellschaft, in dem sich Veränderung als vielschichtige Bewegung manifestiert. Diese Genealogien stellen Bewegung als zentrale Metapher für Veränderung in der westlichen philosophischen Tradition in den Vordergrund, zeigen aber auch die Grenzen universalisierender Konzepte von Veränderung auf. So ist es wichtig, Veränderung als einen historisch und politisch situierten Prozess zu denken. Veränderung vollzieht sich nicht auf neutralem Boden: Sie wird von unterschiedlich geprägten Körpern unterschiedlich erlebt. Für die einen kann Veränderung Emanzipation bedeuten, für die anderen Enteignung; für die einen Mobilität, für die anderen Zwangsumsiedlung oder Immobilität. Aus dieser Perspektive wird Choreografie nicht nur zu einer kompositorischen Praxis, sondern auch zu einem kritischen Instrument, um die Bewegungsregime aufzudecken, die unser zeitgenössisches Leben organisieren, und gleichzeitig auch zu einem Werkzeug, Bewegungsgefügen zu widerstehen oder sie neu zu denken. Choreografie kann so als eine Praxis verstanden werden, in der Narrative von Gewalt, Fürsorge und Widerstand, aber auch Hoffnung und Begehren verkörpert und neu verhandelt werden.

Auf dieser Grundlage schlägt das diesjährige gtf-Symposium vor, Veränderungen als eine Form der Bewegung im Tanz ästhetisch, gesellschaftlich und politisch zu betrachten. Die Wechselwirkungen zwischen choreografischen Prozessen, sozialen und politischen Kontexten und individueller Transformation sollen dabei im Fokus stehen. Veränderung verstehen wir aus dieser verkörperten Perspektive als erlebte Bewegung, die als Ermüdung, Unterbrechung, Wiederholung, Fürsorge, Stagnation oder Heilung empfunden wird. Aus diesem Grund können viele Tanzpraktiken und Choreografien auch unter dem Gesichtspunkt untersucht werden, wie sie sich durch die Arbeit mit Erinnerung, Heilung, Undurchsichtigkeit, Flüchtigkeit und kollektiver Fürsorge mit Veränderung auseinandersetzen.

Um die Wechselwirkungen als potenzielle Choreografien des Wandels zu untersuchen, konzentriert sich das Symposium auf Praktiken im Tanz, in künstlerischer oder sozialer Choreographie sowie Körperpraxis, die zwischen gesellschaftlichen, politischen, verkörperten und choreografischen Prozessen wie Dramaturgie, Vermittlung, Pädagogik, Therapie, Soziale Arbeit und Produktion operieren. Da sie im Zwischenraum dieser Arbeitsfelder produktiv werden, tragen diese Praktiken wesentlich zur Bewegung zwischen verschiedenen Dimensionen von Veränderung mit bei.

 

Themen:

Wir laden zur Einreichung von Beiträgen ein, die sich mit den folgenden Themen sowie anderen relevanten Perspektiven befassen.

  • Choreografien der Veränderung: Wie kann eine choreografische Perspektive die verschiedenen Formen von Veränderung und Transformation beleuchten und Einblicke in ihre Gestaltungsprozesse bieten? Wie können choreografische Perspektiven und Praktiken zu gesellschaftlichem und politischem Wandel beitragen? Wie kann Choreografie die ungleichmäßigen und konfliktreichen Prozesse, durch die Veränderung stattfindet, aufdecken, ihnen widerstehen oder sie neu konfigurieren?
  • Dramaturgie als Praxis der sozialen und politischen Mobilisierung: Wie kann Dramaturgie zu einem Werkzeug für soziale und politische Transformation werden? Kann sie verschiedene Stränge sozialer Praxis zusammenführen?
  • Bewegungen der Kollektive: Wie lassen sich Übergänge zwischen dem Einzelnen und dem Gemeinsamen beschreiben? Wie formt Choreografie Dynamiken des Miteinanders? Wie verbinden sich Körper und Kräfte zu mehr-als-menschlichen Handlungsspielräumen?
  • Pädagogik: Wie entfalten sich individuelle Entwicklungsprozesse zwischen Lernen, Vermittlung und Altern in Zeiten des raschen Wandels? Wie denken feministische und dekoloniale Pädagogiken Lernen, Autorität, Verletzlichkeit und verkörpertes Wissen in Veränderungsprozessen?
  • Institutionen im Wandel: Wie reagieren Vermittlungsformen und kulturelle Institutionen auf gesellschaftliche Umbrüche und Transformationskrisen? Welche Prozesse formen Institutionen als offene Räume im Angesicht sich wandelnder Zeiten?
  • Solidarische Infrastrukturen & DIY-Produktion: Wie lassen sich Produktionsweisen denken, die extraktive, kompetitive und prekärisierende Logiken unterlaufen? Und wie sind ihre Infrastrukturen historisch in Widerstand, Feminismus und Dekolonialität verortet?

Das diesjährige Symposium ist als eine Zusammenkunft konzipiert, die verschiedene Akteur*innen und Praktiken zusammenbringt. Es ist im Bereich der Tanzwissenschaft angesiedelt und steht in Nähe zu Forscher*innen und Praktiker*innen aus anderen Disziplinen, darunter Soziologie, Soziale Arbeit, Produktion und Dramaturgie sowie Aktivismus. Die Teilnehmer*innen sind eingeladen, akademische oder künstlerische Präsentationsformate wie Workshops, Panels, künstlerische Interventionen oder Provokationen nach eigenem Ermessen vorzuschlagen.

 

EMERGING SCHOLARS FORUM

Dem Symposium ist am ersten Tag (15.10.2026) ein Emerging Scholars Forum vorangestellt, das Forscher*innen in frühen Karrierephasen die Möglichkeit bietet, ihre Forschungsarbeiten in einem unterstützenden Umfeld mit Raum für Diskussionen und Feedback vorzustellen. Die Beiträge sollten ein Thema aus der eigenen laufenden Forschung behandeln und maximal 10 Minuten für die Präsentation nicht überschreiten.

Bitte reichen Sie Ihre Arbeit wie unten angegeben an und geben Sie in der Überschrift oder im Kopfbereich deutlich an, dass Sie Ihre Arbeit für das Emerging Scholars Forum vorschlagen.

 

Einreichungsrichtlinien

Präsentationen (20 Min.)

Podiumsdiskussionen (60 Min.)

Workshops (45–60 Min.)

Vortragsperformances (30 Min.)

Interventionen (20–30 Min.)

Andere Formate (max. 60 min)

 

Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Bitte reichen Sie eine Beschreibung Ihres Vorschlags (max. 200 Worte) und eine kurze Biografie (max. 100 Worte) unter Angabe Ihres bevorzugten Präsentationsformats bis zum 15. April 2026 ein bei:

katja.schneider(at)hfmdk-frankfurt.de

 

Es fällt eine Teilnahmegebühr an. Den Teilnehmenden werden Catering während der Tagung und der Transport zwischen den Standorten angeboten.

 

Referenzen

Aristoteles. 1989. Politik. Übersetzt und herausgegeben von Olof Gigon. 2. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

Brandstetter, Gabriele, Bettina Brandl-Risi und Kai van Eikels. 2007. „Übertragungen: Eine Einleitung“. In Schwarm (E)Motion: Bewegung zwischen Affekt und Masse, herausgegeben von Gabriele Brandstetter, Bettina Brandl-Risi und Kai van Eikels, S. 7–25. Freiburg: Rombach.

Butler, Octavia E. 1993. Parable of the Sower. New York: Four Walls Eight Windows.

Egert, Gecko. 2016. Berührungen: Bewegung, Relation und Affekt im zeitgenössischen Tanz. Bielefeld: transcript Verlag.

Platon. 1982. Der Staat (Politeia). Herausgegeben von Karl Vretska. Stuttgart: Reclam.

Polybius. 1978. Geschichte (Historien). Herausgegeben von Hans Drexler. Zürich/München: Artemis Verlag.

 

Organisationsteam
Prof. Dr. Bojana Kunst, Mila Lanz, Prof. Dr. Sebastian Matthias, Prof. Dr. Katja Schneider

 

Gefördert durch die Hessische Theaterakademie (HTA)

 

CALL FOR PAPERS